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Nigeria: Entführungen und Gewalt gegen Christen nehmen massiv zu - 4. Oktober 2026

Nigeria erlebt eine massive Verschärfung der Sicherheitslage. Im November 2025 wurden Schüler und Lehrpersonen in grosser Zahl entführt. Laut Karl Dittli von Open Doors breiten militante Gruppen ihren Einfluss aus und die Regierung steht unter Druck.

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Karl Dittli, was ist 2025 in Nigeria passiert, dass die Zahl der Entführungen so stark angestiegen ist?

Karl Dittli: Was man weiss, ist, dass der November 2025 sehr ein heftiger Monat war. Dort gab es unter anderem Massenentführungen von Schülern und Lehrpersonen, die sogar dazu geführt haben, dass in elf Bundesstaaten von Nigeria die Schulen für eine Weile geschlossen werden mussten.

Und jetzt zeigen Statistiken, dass hinter den meisten Entführungen die militanten Fulani stecken. Die sind in letzter Zeit auch expandiert vom Norden von Nigeria ins Zentrum, zum Middle-Belt-Gebiet. Also ihr Einflussgebiet ist grösser geworden. Und das trägt wahrscheinlich auch dazu bei, dass sie nicht nur Christen entführen, sondern eben auch Muslime.

Wie dramatisch ist die aktuelle Sicherheitslage, besonders für Christen in Nigeria, wenn man sich die neuen Zahlen anschaut?

Ich glaube, dramatisch war die Situation schon immer für Christen, gerade in den betroffenen Gebieten im Norden und auch in Zentralnigeria. Dort kann man sagen, sind sie ihren Verfolgern momentan noch relativ aussichtslos ausgeliefert. Im Süden ist das anders. Dort reden wir von einer anderen Realität, wo das Christentum akzeptiert ist und eine Art Blütezeit erlebt wird.

Aber im Norden ist das ganz anders und auch in den zentralen Bundesstaaten zum Teil. Und dort ist schlimm, dass die Täter im Land Straffreiheit geniessen. Die Regierung scheint bis dato überfordert gewesen zu sein.

Aber es gibt glücklicherweise ermutigende Zeichen, dass sich das ändern könnte. Die Ermittlungen gegen die Täter sind in letzter Zeit intensiviert worden. Es gab schon gewisse Verhaftungen und Strafverfolgungen. Fazit, es wird sich zeigen, wie es weitergeht. Der Bericht heisst deshalb auch «Nigeria at the Crossroads», also «Nigeria am Scheideweg».

Auch die Zahl der getöteten Zivilisten ist deutlich gestiegen. Wie sieht die Gewalt konkret aus?

Dazu sagt der Bericht selber konkret nichts dazu. Es gibt aber andere Berichte und auch Zeugenaussagen, die uns da einen Einblick geben. Und dort zeigt sich eben auch, dass je nach religiöser Herkunft man auch unterschiedlich behandelt wird. Gerade bei Menschen, die entführt werden.

Wenn ein Muslim entführt wird, dann wird er von den Entführern sehr zurückhaltend behandelt. Das heisst, keine körperliche oder sexuelle Gewalt und genug zu essen. Die Gefangenen dürfen ihren muslimischen Glauben frei ausüben. Wenn aber eine entführte Person Christ ist, dann zeigt sich das ganz anders. Wenn es ein Mann ist, der Christ ist, wird er systematisch geschlagen. Frauen erleben sexuelle Gewalt, Misshandlungen sind allgegenwärtig und die Gefangenen sind ihren Entführern komplett ausgeliefert. Und sie dürfen auch nicht beten oder Bibel lesen, also ihre Religion nicht frei ausüben.

Welche Gruppen stecken hinter den Entführungen und Morden?

Die Entführungen kann man in Nigeria auf gewisse Gruppierungen zurückführen, wie Boko Haram oder eine Zelle vom IS in Westafrika. Oder die militante Gruppierungen vom Fulani-Stamm, die sind in verschiedenen Gebieten in Nigeria aktiv, vor allem im Norden und im Zentrum von Nigeria, mit dem Ziel – und es verfolgen alle das gleiche Ziel, egal welche Gruppierung – dass sie einen islamischen Gottesstaat aufbauen wollen. Und das heisst auch, dass alles, was sich ihnen für das Ziel in den Weg stellt, dass sie das gewaltsam aus dem Weg räumen.

Warum waren gerade Schüler und Lehrer von der jüngsten Entführungswelle betroffen?

Sie sind nicht die einzigen Opfer. Häufig werden auch Familien angegriffen oder Pastoren sind auch beliebte Entführungsopfer. Aber es konzentriert sich schon auf Bildungsinstitutionen.

Einerseits lehnen die radikalen Gruppierungen die westliche Bildung ab von ihrer Ideologie her. Das könnte ja erklären, warum sie Schulen angreifen. Und allgemein sind Geiseln, vor allem Geiseln, die sich nicht wehren können, wie Kinder natürlich auch immer, eine mögliche Geldquelle für die Terroristen. Dann können sie doch durch sie zu einem hohen Lösegeld kommen und das dann eben auch anfordern bei den Betroffenen.

Präsident Bola Tinubu hat im November 2025 einen landesweiten Sicherheitsnotstand ausgerufen. Was hat die Regierung seitdem konkret unternommen?

Ja, seit der Sicherheitsnotstand ausgerufen wurde, haben sie auch die Sicherheitskräfte massiv aufgerüstet. Man spricht von etwa 20’000 zusätzlichen Polizeikräften, die damals auch eingesetzt wurden. Und kurz darauf haben sie auch ein neues Antiterrorgesetz oder eine Antiterrorregelung eingeführt, die die verantwortlichen Organisationen klar als terroristisch einordnet. Und für das aktuelle Jahr 2026 wurde auch das Budget für die Sektorverteidigung massiv aufgestockt. In diesem Jahr hat der Präsident die Spitze des Militärs aufgefordert, einen strategischen Fünfjahresplan zu erstellen.

Und dieses Dokument liegt momentan beim Nationalen Sicherheitsberater, der das genehmigen sollte. Also es sind einige Massnahmen da und es wird vermutet, dass das alles auch passiert, weil international vor allem auch von Seiten der USA und von ihrem Präsidenten Donald Trump Druck aufgesetzt wird auf die Regierung.

Was wäre ebenfalls wichtig zu erwähnen?

Was man noch erwähnen kann, ist, dass der Bericht auch aufzeigt, dass die Zahl der Binnenflüchtlinge im Land eklatant gross geblieben ist. Man spricht hier von knapp 4 Millionen Vertriebenen im Land. Das ist der Stand von April 2026. Zusätzlich sind nochmals mehr als 400’000 Nigerianer in die Nachbarländer Niger, Tschad und Kamerun geflüchtet.

Das alles trotz der humanitären Hilfe und auch der Interventionen der Regierung, die in den letzten Jahren angestiegen sind.

Foto: Abuja, die Hauptstadt Nigerias (Bild: Wikipedia/Bryn Pinzgauer).

Webseite Open Doors Schweiz

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