
«Zero, ein Fanal»: Ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte - 6. September 2026
Ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte ist noch längst nicht vollständig aufgearbeitet: die systematische Verfolgung der Jenischen und die Wegnahme ihrer Kinder. Das Dokudrama «Zero, ein Fanal» will verdrängte Geschichten sichtbar machen und eine Auseinandersetzung ermöglichen, die über Generationen hinweg nachwirkt.
«’Zero, ein Fanal’ ist ein Dokudrama, ein 90-minütiges Kinoformat. Ich wurde angefragt, ob ich das Drehbuch schreiben könnte», erinnert sich Bruno Waldvogel-Frei vom «Lighthouse Olten». «Ich kannte diese Thematik nicht. Ich musste mich zuerst damit beschäftigen. Es geht um die Jenischen. Das ist eine Volksgruppe innerhalb der Schweiz.» Früher waren sie als Fahrende bekannt, heute sind viele von ihnen sesshaft, «aber doch mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Kultur … und eine verfolgte Minderheit über viele, viele Jahre.»
Kinder weggenommen
Man hat versucht, über «Kinder der Landstrasse», ein Organisationsteil von «Pro Juventute», die Lebensweise buchstäblich auszurotten. «Systematisch hat man ihnen die Kinder gleich nach der Geburt weggenommen. Man hat sie ihnen ohne Gerichtsverhandlung oder einem rechtlichen Beschluss weggenommen und sie nachher ins Heim gesteckt», so Bruno Waldvogel-Frei, der früher reformierter Pfarrer in Wangen bei Olten war.
Dunkles Kapitel in der Schweiz
Dort wurden sie dann zur Zwangsadoption freigegeben. «Die Geschwister wurden so verteilt, dass sie sich nie mehr finden konnten – natürlich unter neuen Namen. Zum Teil wurden aus ihnen auch Verdiengkinder und während der Nazi-Zeit landeten sie auch in Konzentrationslagern.» Ein sehr dunkles Kapitel, das in der Schweiz, in Graubünden, seinen Anfang nahm.
Nationalrat: «Verbrechen gegen Menschlichkeit»
Im rund 90-minütigen Dokudrama geht das Team der Frage nach, wie es überhaupt so weit kommen konnte. «Wir zeigen das exemplarisch mit Spielfilmszenen und wir begleiten Jenische, die auf der Suche nach ihrer Familiengeschichte sind», beschreibt Bruno Waldvogel-Frei. Dazu kommen Interviews mit vielen Fachleuten, die an diesem Thema arbeiten. Das Thema hat politischen Sprengstoff, «weil gewisse Sachen überhaupt noch nicht aufgearbeitet sind. An gewissen Orten, wo wirklich üble Sachen passiert sind, weiss man nichts davon oder man hat es verdrängt.»
Bundesrat und Nationalrat titulierten dies als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. «Es ist ein schmerzhafter Prozess für alle Beteiligten. Dort dann den Finger drauf zu legen und in einer guten Art konstruktiv die Geschichte aufzuarbeiten, das ist sicher eine der grössten Herausforderungen.»
Steigbügelhalter für Nazi-Ideologie
«Zero» ist ein verklausulierter Name für eine Bündner-Jenische Familie, die als Modellfall gedient hat, um zu «belegen», dass es minderwertige Gene und minderwertige Rassen gibt. «Das wurde in der Fachliteratur festgehalten und ist dann als Fallbeispiel auch in die ganze Nazi-Ideologie und in die ganze Eugenik eingegangen, ausgehend eigentlich aus Vals in der Schweiz. Das ist erschreckend.»
Ein Drahtseilakt
Die Herausforderung dieses Projekts ist, dass es eine Aufarbeitung ist. «Und es soll eine konstruktive Aufarbeitung sein, sodass am Schluss alle beteiligten Opfer, die sogenannten Täter oder Nachkommen der Täter, sagen können: ‘Es ist gut, dass wir das jetzt angeschaut haben.’ Das ist ein emotionaler und politischer Drahtseilakt.»
Die Produzenten versuchen so auf die Leute zuzugehen, dass sie die Möglichkeit haben, sich mit einem schwierigen Kapitel aus der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen und auch Frieden zu finden. «Das ist eines der grossen Anliegen: Dass wir nicht mit der Pistole die Leute an die Wand stellen und Schuldgeständnisse herausquetschen, sondern in einer verbindenden und versöhnlichen, aber doch offenen Art, das Thema zu bearbeiten, sodass wirklich am Schluss alle sagen können: ‘Es ist gut, dass wir es gemacht haben. Es war eine harte Arbeit, aber es ist gut, haben wir es gemacht.’»
